Christa Wolf "Kein Ort. Nirgends"

dtv, ISBN 3-423-08321-2, DM 3.50, 125 Seiten
Juni 1996 Ungekürzte Ausgabe,
     1979 Berlin/Weimar Erstveröffentlichung

Auf der Buchrückseite steht folgendes:
Ist diese Frau schön? Ein unsichtbarer Kreis ist um sie gezogen, den zu über-
treten man sich scheut. Es verböte sich, ihr ein Kompliment zu machen. Würde,
auch Abweisung gehen von ihr aus, die zu ihrer Jugend im Widerspruch stehn.

Dieses Buch wurde in einer Zeit geschrieben, als die Autorin sich veranlaßt
sah, »die Voraussetzungen von Scheitern zu untersuchen, den
Zusammenhang von gesellschaftlicher Verzweiflung und Scheitern in der
Literatur...«



Das Buch ist ein wahres Taschenbuch, wenn man es in der Hand hält. Auf der vorderen Umschlagseite ist ein gemalter Baum, der an einem Ufer steht wiedergegeben. Keine Trauerweide. Eine Auenlandschaft in der späten Nachmittagssonne (>Baum am Bach< (um 1831) von Ferdinand Georg Waldmüller).
Es fällt mir nicht leicht, mich über diese Buch auszulassen, nicht zuletzt habe ich es schon seit einiger Zeit gelesen. Aber es ist einfach schwer zu verstehen. Ich weiß nicht mehr, wann und wo, aber ich habe irgendwann festgestellt, daß alle in diesem Buch namentlich benannten Personen - Günderrode, Kleist, Savigny, Brentano, Dedekind, Bettine, Lisette(?, nicht alle) - wirklich gelebt haben. Die Handlung spielt in Winkel am Rhein im Juni 1804 (Das hasse ich an Rezensionen: Über etwas zu schreiben, als wäre das so und nichts und niemand könnte daran etwas ändern.). Es ist ein für diese Zeit typisches Treffen einiger bessergestellter Leute (Wieder!) - bessergestellt in Hinsicht auf Geld und Ärmere.
Ich möchte vorausschicken, daß ich keinesfalls das Buch verstehe. Aber ich bin sicher, daß viel darinsteckt, und deshalb gebe ich dem noch nicht verstandenen Teil des Buches einen Namen, eine Variable - x . Damit will ich sagen, daß ich mir dessen bewußt bin.

Ich komme einmal zu den Personen im einzelnen. Brockhaus sagte:

"Arnim, mehrfach verzweigtes märk. Adelsgeschlecht. Das gleichnamige Stammhaus wurde 1204 erstmals urkundlich erwähnt, die Besitzungen lagen v.a. in der Uckermark. Der Zeig A.-Boitzenburg wurde 1786, in den preuß. Grafenstand, der Zweig A.-Suckow 1841 in den preuß. Freiherrnstand erhoben.

  1. Achim von, eigentl. Ludwig Joachim von A., Dichter, * Berlin 26.1.1781, ? Wiepersdorf (bei Jüterbog) 21.1.1831; studierte Naturwissenschaften 1798/99 in Halle und 1800/01 in Göttingen, wo er sich mit C. Brentano befreundete. Mit ihm und J.Görres lebte er seit 1805 in Heidelberg, das durch sie zum Mittelpunkt der jüngeren Romantik wurde. Ihr Organ war die von A. und Brentano herausgegebene >Zeitung für Einsiedler< (1808 - in Buchform >Trösteinsamkeit< genant). In gemeinsamer Arbeit mit Brentano entstand in Heidelberg die Volksliedsammlung (vielfach Nachdichtungen) >Des Knaben Wunderhorn< (3 Bde., 1806-08). 1808-12 lebte A. in Verbindung mit den die Befreiung Preußens anstrebenden Patrioten (Adam Müller, Fouquè, Kleist) in Berlin. 1811 heiratete er C. Brentanos Schwester Bettina. Nach den Freiheitskriegen widmete sich A. der Bewirtschaftung seiner Güter in Wiepersdorf. - Seine Dichtungen verbinden konservatives mit romantisch-phantastischem Lebensgefühl. In dem Roman >Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores< (1810) fand die romant. Kunst- und Lebensauffassung ihren wohl deutlichsten Niederschlag; mit dem unvollendeten Werk >Die Kronenwächter< (Bd. 1: 1817) prägte A. den Typ des dt. histor. Romans. Als novellistisches Meisterwerk gilt >Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonneau< (1818).
  2. Adolf Heinrich Graf A.-Boitzenburg, preuß. Staatsmann, * Berlin 10.4.1803, ...
  3. Alexander Heinrich Freiherr (1841) von A._Suckow, preuß. Diplomat, * Berlin 13.2.1798, ...
  4. Bettina von, eigentl. Anna Elisabeth von A., geb. Brentano, Dichterin, * Frankfurt am Main 4.4.1785, ? Berlin 20.1.1859; Tochter des Kaufmanns Peter Anton Brentano (* 1735, ? 1797) und der Maximiliane Brentano, Schwester von C. Brentano, bedeutendste Frauengestalt der jüngeren Romantik; lernte 1806 Goethes Mutter, 1807 diesen selbst kennen (1811 Zerwürfnis); seit 1811 verheiratet mit Achim von A. (sieben Kinder); lebte zeitweise mit ihm in Wiepersdorf, dann in Berlin. In Briefsammlungen, deren urspr. echten Grundbestand sie mit eigenwilliger Phantasie umdichtete, gab sie ihrer enthusiast. Liebe zu Goethe, Karoline von Günderrode und zu ihrem Bruder Clemens Ausdruck. Später wandte sie sich ihren sozialen und frauenrechtl. Fragen zu; sie setzte sich für polit. Gefangene ein und sammelte Material über die Lebensverhältnisse der Armen (>Armenbuch<, 1. Druck 1844 abgebrochen). [Am Rand ist ein Bild von ihr]
  5. Hans Georg von A.-Boitzenburg, auch H. G. von Arnheim, Heerführer, * Boitzenburg/Uckermark (vermutlich) 1583, ...
  6. Harry Graf (seit 1870) von A.-Suckow, Diplomat, * Moitzelfitz (bei Kolberg) 3.10.1824, ? Nizza 19.5.1881; ...
Brentano, urspr. lombard. Adelsfamilie, die als de Brenta 1282 urkundlich genannt ist und seit dem 14. Jh. in vier Linien (Toccia, Gnosso, Tremezzo und Cimaroli) begegnet. Die erste und die letzte Linie sind erloschen, Angehörige der Linie Tremezzo waren seit dem 17. Jh. in Dt. (u.a. in Frankfurt am Main) ansässig. 1888 erfolgte die hessische Adelsanerkennung als >von Brentano di Tremezzo<. Bedeutende Mitglieder der Linie Tremezzo:
  1. Bernhard von, Schriftsteller, * Offenbach am Main 15.10.1901, ? wiesbaden 29.12.1964, Bruder von 5); war 1925-30 Berliner Korrespondent der >Frankfurter Zeitung<, 1933-49 als Emigrant in der Schweiz; schrieb u.a. sozialkrit. Romane, so den Familienroman >Theodor Chindler< (1936); stilistisch vom späten Fontane beeinflußt.
  2. Bettina, siehe Arnim, Bettina von.
  3. Clemens, Dichter, * Ehrenbreitstein (heute zu Koblenz) 9.9.1778, ? Aschaffenburg 28.7.1842, Sohn von 8), Bruder von Bettina von Arnim. B. ist neben Achim von Arnim ein Hauptvertreter der jüngeren Romantik. Er trat als Student in jena mit dem Kreis der Frühromantiker in Verbindung, veröffentlichte die dramat. Satire >Gustav Wasa< (1800) und den >verwilderten<, als lockere Brieffolge erzählten Roman >Godwi< (unter dem Pseudonym >Maria<, 1800 bis 1801). Das Verhältnis zu der Professorengattin Sophie Mereau (die sich 1801 scheiden ließ und B. 1803 heiratete) galt den Zeitgenossen als abschreckendes Beispiel freier >romant.< Lebensweise. In Göttingen schloß B. Freundschaft mit Arnim, der 1811 seine Schwester Bettina heiratete. Mit ihm gab er 1805-08 in Heidelberg die Sammlung >Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder< mit Volks- und Kunstliedern, die beide häufig selbst bearbeiteten, heraus. B. trug auch zu Arnims >Zeitung für Einsiedler< (als Buch: >Trösteinsamkeit<, 1808) bei, schrieb Gedichte, Märchen und Erzählungen. Nach dem Tod Sophies 1806 ging B. eine neue unglückliche Ehe mit der 16jährigen Auguste Bussmann ein (1812 geschieden). Er wurde 1809 in Berlin mit Arnim, F. Fouqué, H. von Kleist Mitgl. der >Christlich-Teutschen Tischgesellschaft<. B. lebte später auf einem Familiengut in Böhmen, in Wien, Berlin, Frankfurt am Main, München. Durch Luise Hensel wurde er 1817 zum kath. Glauben zurückgeführt. 1819-24 weilte er häufig am Krankenbett der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick in Dülmen (bei Münster), nach ihrem Tod zeichnete er ihre Visionen auf (u.a. in >Das bittere Leiden des Herrn Jesu Christi<, 1833). Durch diese und zahlreiche andere religiöse Schriften wurde er einer der wichtigsten literar. Träger der kath. Restauration. Der größte dieser Schriften (rd. 16000 Manuskriptseiten, u.a. eine epische Trilogie über das Leben Jesu) wird erstmals in der historisch-krit. Ausgabe veröffentlicht.

  4. B.s Bedeutung liegt in erster Linie in seinen Erzählungen und Märchen sowie den Gedichten, die häufig in diesen enthalten sind. Die Märchen sind bewußt als Kunstmärchen angelegt, in denen sich - im Gegensatz zu den Volksmärchen der Gebrüder Grimm - volkstüml. mit iron. und satir. Elementen verbinden. Die frühen Gedichte sind vielfach geprägt von Musikalität und Rhythmik (zahlreiche Vertonungen), aber auch bereits von artist. Formgebung. In einer Schaffens- und Sprachkrise (seit 1811) verlor B. das Vertrauen in das poet. Wort, danach entstanden v.a. religiöse Lieder sowie - in der Spätzeit - Liebesgedichte (an die Malerin Emilie Linder) und einige hochartifizielle, teilw. manierist. Gedichte. Da B. selbst keine Sammlung seiner Gedichte veröffentlichte und viele nur in moralisierenden Bearbeitungen überliefert sind, wurde sein Rang als bedeutendster romant. Lyriker neben Novalis und J. von Eichendorff erst spät erkannt.
  5. Franz, Philosoph, * Marienberg bei Boppard 16.1.1838, ? Zürich 17.3.1917, Bruder von 7), Neffe von 3), ...
  6. Heinrich von, Politiker (CDU), * Offenbach am Main 20.6.1904, ...
  7. Lorenz Peter Karl, Politiker, * Mannheim 14.11.1813, ...
  8. Lujo, eigentl. Ludwig Josef, Volkswirtschaftler und Sozialpolitiker, * Aschaffenburg 18.12.1844, ...
  9. Maximiliane, * Mainz 31.5.1756, ? Frankfurt am Main 19.11.1793, Mutter von 2) und 3); Tochter der schriftstellerin Sophie von La Roche, der Jugendfreundin C.M. Wielands. ihre unglückliche Ehe mit dem Frankfurter Kaufmann Pietro Antonio B. (* 1735, ? 1797) fand literar. Niederschlag in Goethes >Werther<.
Günderode, Günderrode, Karoline von, Dichterin, * Karlsruhe 11.2.1780, ? Winkel (heute zu Oestrich-Winkel) 26.7.1806; lebte als Stiftsdame in Frankfurt am Main; war befreundet mit Bettina von Arnim und C. Brentano, veröffentlichte unter dem Pseudonym Tian romantisch-schwermütige >Gedichte und Phantasien< (1804) und >Poetische Fragmente< (1805). Ihre unglückl. Liebe zu G.F. Creuzer trieb sie zum Selbstmord [Am Rand ist ein Bild von ihr]. Ausgaben: Ges. Werke, hg. v. L. Hirschberg, 3 Bde. (1920 bis 1922, Nachher. 1970); Der Schatten eines Traumes. Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen, hg. v. C. Wolf (1985). F. Hoffmann: Drei Frauen zum Beispiel (1981); B. von Arnim: Die G. (Neuausg. 1984).

Kleist, pommersches Uradelsgeschlecht, das 1263 erstmals urkundlich erscheint. - Bedeutende Vertreter:

  1. Ewald von, Generalfeldmarschall (seit 1943), * Braunfels, 8.8.1881, ...
  2. Ewald von, Widerstandskämpfer, * Groß Duberow (bei Belgard/Persante) 22.3.1890, ...
  3. Ewald Christian von, Schriftsteller, * Zeblin (bei Köslin) 7.3.1715, ...
  4. Ewald Jürgen (Georg) von, Physiker, * Gut Vietzow (bei Belgard/Persante) 10.6.1700, ...
  5. Friedrich, Graf K. von Nollendorf, preuß. Generalfeldmarschall, * Berlin 9.4.1762, ...
  6. Hans Hugo von K.-Retzow [-o], preuß. Politiker, * Kieckow (bei Belgard/Persante) 25.11.1814, ...
  7. Heinrich von, Schriftsteller, * Frankfurt/Oder 18.10. (nach eigener Angabe 10.10.) 1777, ? (Selbstmord) am Kl. Wannsee (zu Berlin) 21.11.1811; ältester Sohn eines preuß. Hauptmanns und Großneffe von 3). Früh verwaist, trat er 1792, der Familientradition gemäß, in das Potsdamer Garderegiment ein und machte 1794 den Rheinfeldzug mit. Er quittierte 1799 den ungeliebten Dienst, um sich einem selbst aufgestellten >Lebensplan< zu widmen: Er verlobte sich mit Wilhelmine von Zenge (* 1780, ? 1852) und begann in Frankfurt/Oder das Studium von Physik, Philosophie, Mathematik und Staatswissenschaften, das er schon 1800 abbrach. Die >Kantkrise< (1801), das Zerbrechen seines rationalist. Weltbildes und die damit verbundene Hinwendung zu Subjektivismus und Irrationalismus, bezeichnet die endgültige Wendung K.s von der Wiss. zur Dichtung. Einer von der Familie gewünschten Anstellung im Staatsdienst entzog er sich 1801 durch eine Reise mit der Stiefschwester Ulrike von K. (* 1774, ? 1849) nach Dresden und Paris. Anschließend reiste K. allein weiter in die Schweiz, wo er sich mit H. Zschokke, L. Wieland und Heinrich Gessner (* 1768, ? 1813) in freundschaftl. Verbindung trat. K. bezog 1802 (das Verlöbnis war aufgelöst worden) ein Häuschen auf der Aare-Insel bei Thun und begann die Arbeit an den Trauerspielen >Die Familie Schroffenstein< (1803) und >Robert Guiskard, Herzog der Normänner< (unv., 1808 in seiner Monatsschrift >Phöbus< gedruckt). Auf Einladung von C.M. Wieland verbrachte K. den Winter 1802/03 auf dessen Gut Oßmannstedt bei Weimar, wo er u.a. Goethe und Schiller begegnete, dann auch in Dresden dem Satiriker J.D. Falk, dessen Arbeit am Amphytrionstoff K. zu >Amphitryon, ein Lustspiel nach Moliére< (1807) anregte. K.s zweites Lustspiel, >Der zerbrochene Krug< (gedruckt 1811), entstand aus einem Wettstreit unter Freunden. Eine erneute Reise in die Schweiz führte ihn 1803 u.a. nach Paris. Dort kam es aufgrund des labilen seel. Zustands von K. zur Krisis und zum Zusammenbruch (Brief an Ulrike von 5.10.: >Ich kann nicht mehr<). K. verbrannte sein >Guiskard<-Manuskript und wanderte, von Selbstmordgedanken gequält, an die frz. Nordküste, um in Napoleons I. Landkorps gegen England >den schönen Tod der Schlachten zusterben<. Er wurde jedoch nach Paris zurückgebracht und nach Dt. abgeschoben. Nach schwerer Erkrankung (in Mainz) bewarb K. sich im Sommer 1804 in Berlin um Anstellung im preuß. Finanzdepartment und kam danach als Diätar an die Domänenkammer in Königsberg (Pr), wo er erneut sein Studium aufnahm; doch ließ er sich im Sommer 1806 krankheitshalber beurlauben und schrieb intensiv an seinen Dichtungen. Auf dem Weg nach Dresden (1807) wurde er in Berlin unter Spionageverdacht von den Franzosen verhaftet, zum Fort de Joux und dann in das Gefangenenlager Châlons-sur-Marne gebracht, aus dem er erst sechs Monate später nach dem Frieden von Tilsit entlassen wurde. Im kulturell aufblühenden Dresden, im Kreis von August Heinrich Müller, Otto August Rühle von Lilienstern (* 1780, ? 1847), G.H. Schubert, F.G. Wetzel, K.A. Böttiger, Ferdinand Hartmann (* 1774, ? 1842), G. von Kügelgen, C.G. Körner und L. Tieck begann K.s fruchtbarste Schaffensperiode. Mit Müller, der zuvor den >Amphitryon< herausgegeben hatte, redigierte er die anspruchsvolle Zeitschrift >Phöbus< (einziger Jahrgang 1808), in der u.a. Proben der Dramen >Penthesilea< und >Das Käthchen von Heilbronn, oder die Feuerprobe< sowie der Erzählungen >Die Marquise von O...< und >Michael Kohlhaas< erschienen. Noch im gleichen Jahr verlegt J.F. Cotta das Amazonendrama >Penthesilea<, das aber - nicht zuletzt durch Goethes schroffe Zurückweisung - vom Publikum abgelehnt wurde. Auch der am 2.3.1808 durch Goethe in Weimar zur Aufführung gebrachte >Zerbrochene Krug< wurde ein Mißerfolg. 1809 bereitete K. nach dem Sieg von Aspern in Prag die zur nat. Erhebung aufrufende Zeitschrift >Germania< vor, aber die Niederlage bei Wagram vernichtete auch diese Hoffnungen. Nach schwerer Erkrankung ging K. zurück nach Berlin, wo er vergeblich versuchte, die Aufführung des inzwischen beendeten Dramas >Prinz Friedrich von Homburg< (hg. 1821) zu erreichen. Hier schloß er sich mit dem Kreis romant. Patrioten um A. von Arnim, F. de la Motte Fouqué, Müller und C. Brentano an und suchte sich durch Gründung der >Berliner Abendblätter< (1810/11) eine Existenzmöglichkeit sowie ein Mittel zur Erweckung der Nation zu schaffen. In dieser ersten Berliner Tageszeitung erschienen u.a. K.s anekdotenhafte Gespenstergeschichte >Das Bettelweib von Locarno<, die Wunderlegende >Die heilige Cäcilie oder Die Gewalt der Musik< und der programmat. Aufsatz >Über das Marionettentheater<. Zensurmaßnahmen und der damit verbundene finanzielle Ruin zwangen ihn, die >Abendblätter< einzustellen. K. fühlte sich nun jeder inneren und äußeren Daseinsmöglichkeit beraubt und sowohl von seiner Familie wie von der Nation verstoßen. Gemeinsam mit der befreundeten Henriette Vogel (* 1773) schied er am Morgen des 21.11.1811 am Ufer des Kleinen Wannsees freiwillig aus dem Leben. Das Manuskript eines möglicherweise autobiographisch aufschlußreichen Romans hatte er zuvor, vermutlich mit anderen Schriften, verbrannt.

  8. K.s literar. Eigenständigkeit, sein für seine Zeit bes. ausgeprägtes psycholog. Verständnis, das Thematisieren von Widersprüchen in der gesellschaftl. Realität sind als Gründe der geringen zeitgenöss. Anerkennung zu nennen. Lediglich drei seiner Dramen wurden zu seinen Lebzeiten, jedoch ohne Erfolg, aufgeführt. Erst im 19., v.a. aber im 20. Jh. setzte eine verstärkte K.-Rezeption ein, wozu in Wilhelmin. Zeit, z.T. in der Weimarer Rep., v.a. aber während des Nationalsozialismus des antinapoleon. und vaterländ. Pathos (>Die Hermannsschlacht<, hg. 1821; >Katechismus der Deutschen<, 1809) entscheidend beitrug. Früher noch als die Rezeption des dramat. Werks setzte die der Prosa K.s ein. V.a. die Erzählung >Michael Kohlhaas< (1810) wurde im 19. Jh. mehrfach dramatisiert (u.a. Gotthilf August von Maltitz, 1825; Wilhelm von Sing, 1861) und wirkte bis in die Gegenwart (u.a. Hermann Klasing, 1930; S. Schütz, 1977; Elisabeth Plessen 1979; Y. Karsunke, >Des Colhaas letzte Nacht<, 1979; Dieter Eue, >Ein Mann namens Kohlhaas<, 1982). Auch K.s Biographie regte immer wieder zu künstler. Gestaltung an: Helma Sanders-Brahms´ Film >Heinrich< (1977) überträgt K.s zerrissenes Leben in die Gegenwart, Christa Wolfs >Kein Ort. Nirgends< (1979) sinnt über eine Begegnung zw. K. und Karoline von Günderode und die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft nach. K.s Tod selbst versucht Karin Reschke im >Findebuch der Henriette Vogel< (1982) aus deren Perspektive darzustellen."
Naja, irgendwie hat mich der Brockhaus nicht im Verständnis des Buches weitergebracht. Aber es ist bedeutsam, daß Christa Personen verwendet, die es (scheinbar) wirklich gab. Warum reale Personen? Kleist hätte 0815 heißen können.

Ich muß das Buch nochmal lesen. Und zurückgeben.


Spezerei: süddt. für überseeische Nahrungsmittel


Gerede. Wenn alle Münder mit einem Schlag verstummten und die Gedanken laut würden.

Der Mann rührt sie an; ob er ihr gefällt, weiß sie nicht, aber auch Abneigung würde ihr Urteil über ihn nicht trüben: Das ist es ja, was sie Kälte nennen, daß sie sich nicht ihren Vorurteilen überläßt. (S.93)

Ohne Anlaß beginnt sie auf einmal zu lachen, erst leise, dann laut und aus vollem Hals. Kleist wird angesteckt. Sie müssen sich aneinander halten, um vor Lachen nicht umzusinken. Näher sind sie sich nie als in dieser Minute. (S.123)


© 1996-97 Michael Bunk
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