Es gibt für uns zweierlei Wahrheit, so wie sie dargestellt wird durch den 
Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens. Die Wahrheit des Tätigen und
die Wahrheit des Ruhenden. In der ersten teilt sich das Gute vom Bösen, die
zweite ist nichts andere als das Gute selbst, sie weiß weder vom Guten noch 
vom Bösen. Die erste Wahrheit ist uns wirklich gegeben, die zweite 
ahnungsweise. Das ist der traurige Anblick. Der fröhliche ist, daß die erste
Wahrheit dem Augenblick, die zweite der Ewigkeit gehört, deshalb verlischt 
auch die erste im Licht der zweiten.

Kafkas Eintrag in sein 4. Oktavheft am 5.2.1918

aus Karlheinz A. Geißler "Zeit", S.179

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Ich kannte einen Hund, der war so groß wie ein Mann, so arglos wie ein Kind
und so leise wie ein Greis. Er schien so viel Zeit zu haben, wie in ein 
Menschenleben nicht geht. Wenn er sich sonnt und eine dabei ansah, war es, als 
wollte er sagen: Was eilt ihr so? Und er hätte es gewiß gesagt, wenn man nur
gewartet hätte.

Karl Kraus

aus Karlheinz A. Geißler "Zeit", S.131

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Das merkwürdige an einem Loch ist der Rand.

Kurt Tucholsky

aus Karlheinz A. Geißler "Zeit", S.143

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Ich mache alles mit den Beinen, 
Lachen oder Weinen,
alles mit den Beinen!

Curt Bois

aus Karlheinz A. Geißler "Zeit", S.249

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30.4.1997

Ich schreibe jetzt erstmals, versuchsweise eine Buchrezension. Vielleicht ist
das Wort auch zu hoch gegriffen. Daten:

Karlheinz A. Geißler »Zeit« "Verweile doch, du bist so schön!"
(c) 1996, BeltzQuadriga Verlag, Weinheim, Berlin, ISBN 3-88679-822-4

Es enthält einen Bilderzyklus "Zeitlang im Moor"
Aspekte des Menschen
viele Zitate, Sprüche, >265 Seiten

Inhalt:
-Eigentlich bin ich ganz anders, nur komm' ich so selten dazu
-Zeit leben
-Traum vom Ende der Zeitnot
-Rhythmus, pulsierendes Leben
-Anfang, Ende, alles ultra
-Endzeit
-Zeiten der Liebe, die Liebe - ein Kind der Nutzlosigkeit
-Dauer, mehr als Eile
-Übergangs-/ Schwellenzeiten
-Langsamkeit
-Warten
-Pausen-Los "Der Zwischenraum, hindurchzuschaun"
-Schulpause
-Ferien: Die Verheißung einer anderen Wirklichkeit
-Wein und Zeit: Der Zeit-Geist aus der Flasche
-Wecker: Jeder haßt ihn, jeder hat ihn
-Der blaue Montag, Arbeitsverweigerungskultur
-Postmoderne, Mc Times
-Zeit zum Gehen

Das Buch ist in der Bibliothek unter E wie Philosophie zu finden. Es ist
ein Buch von der Sorte, die auch in etwa meinen "Lies mich nicht." Diesen
Eindruck bekommt man, wenn man von abschalten, Pause machen, innehalten

liest. Aber ich hätte es glaube ich zu schnell gelesen, hätte ich nicht
mitgekriegt, daß darin viel Gutes liegt. KAGs Umgang mit der Zeit,
ich schätze, daß er so, wie er in seinem Buch schreibt, sich auch verhält,
ist bemerkenswert. Es ist einfach genial, darauf zu kommen, daß man Zeit
nicht besitzen kann. Seit ich dieses Buch gelesen habe trage ich meine Uhr
nur noch, wenn ich mit der LVB zu tun habe, am Arm.
Es ist das dritte Buch, welches ich zum Thema Zeit direkt lese. Das erste,
es heißt einfach nur "Zeit" von Julius T. Fraser, befaßt sich, glaube ich,
relativ allgemein mit der Zeit, v.a. ihrer Geschichte, ihrer Behandlung von
verschiedenen Kulturen, der Physik, Kalendern. Das zweite geht physikalisch
an die Sache ran. "Die Zeit - Moderne Physik zw. Rationalität und Gott"/ Paul
Davies. Der Titel ist übertrieben. Zahnräder auf der Titelseite. Es gibt kein
universelles Jetzt. Über Physik läßt sich kaum streiten. Es handelt von
Relativitätstheorie, natürlich nicht nur, aber doch...
Das dritte Buch. Es geht von der Seite ans Thema, auf der es steht (E). Der
Mensch steht im Mittelpunkt. Mir fällt gerade die Verbindung zum Blues auf.
Es hat eine eigene Aura, wenn man sich einliest. Sollte ich die übermitteln?
Ich kann es nicht. Ich komme nicht dazu. Ich kann das Ende nicht übersehen,
es geht mir nicht aus dem Sinn. Ich bin am Ende der 12. Klasse. Ich habe Zeit.
Ich habe keine Zeit. Ich kann keine Zeit haben. Wir trinken Wein. Aber ganz
bestimmt trinke ich ihn jetzt von einer anderen Seite.

See me.