Die Bundeswehr und Ich

   

Grundausbildung

    Jetzt tut mir die Bundeswehr leid, damals habe ich sie gehaßt. Ich hatte so gut wie keine Zeit mehr für mich, es war anstrengend, ein Freund eines Freundes in einer anderen Einheit wurde von intelligenten Kameraden erschossen, ich mußte mich auf monotone Sachen wie Waffenputzen (oh, ~reinigen) und Schritthalten konzentrieren, manche Leute waren unfreundlich (Es gibt da ein böses Wort, "Zivilversager". Ich weiß nicht, ob es wirklich auf jemanden zutrifft, aber das ist gut möglich.), unter der ABC-Schutzmaske ist die Luft knapp, im Winter war es kalt, ich schlief zuwenig, mußte gewöhnlich 530 aufstehen, hatte Streß, mußte viel warten. Künstlicher Krieg.

    Andererseits ist gerade der vermeintlich harte Teil - offenbar ist er nicht das Ende der Fahnenstange, nachdem was ich so von NVA und früheren BW-Zeiten meinen hörte - an der Grundausbildung das, was unserem armen Deutschland Sicherheit gibt. Wehrdienst ist nicht mehr das, was er mal war. Er ist nicht mehr direkt eine Vorbereitung auf Krieg; dieser ist viel zu unwahrscheinlich. Potentiellen Aggressoren soll klar sein, daß wir uns verteidigen könnten, wenn wir genug Vorbereitungszeit bekämen und nicht gerade an einem Wochenende überfallen werden.

    Ich bekam eine Anwesenheitsentschädigung, lernte einige Leute kennen (und wieder vergessen), lernte meinen Standort kennen (Sondershausen; zur Grundi war er interessant, jetzt nicht mehr; tja, die Relationen), habe einen Blick ins Grundgesetz geworfen und habe einen neuen Lebensstil verpaßt bekommen, wobei man ja auch einiges lernt (Leider aber zuviel Uninteressantes).

Die anderen 8 Monate

    Seit dem 18.12.1997 bin ich in Mühlhausen, bei der Artillerie, im Stab. Da ich bisher nur zum einkleiden, essen, schlafen und vorstellen dort war, kann ich noch nicht so viel erzählen, aber mein erster Eindruck läßt mich schließen, daß es viel ruhiger werden wird...

    Ich habe mich getäuscht. Es ist zwar ruhiger, aber da laufen so viele Hauptmänner rum! Außerdem sollen wir ja Vorbildwirkung vor unseren unterstellten Einheiten haben. Hinzu kommt ein Geltungsbedürfnis mancher Leute...

    Der Alltag (ja, da habe ich einen!) sieht so aus, daß ich 605 aus meinem Bett steige, 615 essen gehe, 640 oder 5 Minuten später zum Stubendurchgang zurück bin. Da kommt dann einer und schaut, ob alle wach sind und der Mülleimer leer ist. Das Problem ist nur, daß einer immer leer ist. Um 700 ist das allmorgendliche Batterieantreten, ein immergleiches Schauspiel. Danach 3x pro Woche der obligatorische AMILA-Lauf (AMILA = BW-dt. für "Allgemeines Militärisches Ausdauerprogramm"). Ich kann mich noch an das erste oder zweite Mal erinnern, als ich mitgerannt bin. Die Strecke führt an einem Spielplatz vorbei. Dort spielten ein paar vielleicht achtjährige Kinder im Sand. Als wir vorbeiliefen haben sie uns ausgelacht. Sie spielen im Sand und lachen uns aus! Sollten sie sich jetzt schon vorgenommen habe, Zivis zu werden oder vertrauen sie auf die Abschaffung der Wehrpflicht?

    Danach geht es ab ins Büro. Ich bin Feuerleitsoldat, obwohl ich nie eine derartige Ausbildung genossen habe. Wir kleben tagaus tagein Karten aus 40x45 cm großen Teilen zusammen, zeichnen die Zahlen des Gradnetzes nach, zeichnen mit einer anderen Markerfarbe willkürlich ausgewählte Flüsse nach, dann noch ein paar Straßen und zum Schluß kommt die Beschilderung. Das ganze dient dem optischen Aufbereiten für Artilleriezwecke. Dafür, daß wir gleich Spezialkarten bekommen, die schon so gedruckt werden, wie wir sie brauchen, sind wir wohl zu unwichtig. "Kein Geld da für sowas." An mir bleibt es hängen. Manchmal haben wir auch eine 3 m2 große Folie, die vervielfältigt werden muß (Wie wohl, abzeichnen!). Das dauert so 1½ Stunden pro Folie, je nachdem, wieviel draufsteht. Hätten wir hier keine Technik von 1984, könnte unsere Kartenstelle fast aufgelöst werden. Wir müßten nur noch 5% der Karten und 10% der Folien abzeichnen. Die Pläne würden im Computer produziert, vervielfältigen wäre in Sekundenschnelle erledigt, Fehler kommen dabei keine hinzu, es ist um viele Grade genauer und dadurch, daß das Kopieren im Handumdrehen erledigt ist, können Änderungen in letzter Sekunde einfliegen und uns trotzdem nur ein Lächeln abringen. Tja, das wäre die Technik von heute. Aber Behörden sind da immer hinterher. Ich habe mal gehört, daß eine Behörde, ich kann mich leider nicht mehr daran erinnern, welche das war (Hilf mir!), eine EMail-Adresse hatte, sich aber ihre EMails von einer Firma ausdrucken und auf dem Postweg weiterversenden ließ. In jedem modernen Unternehmen wird soetwas Medienbruch genannt und tunlichst vermieden, da es viel Zeit und Geld kostet. Lächerlichkeit...

    Um 900 kommt dann die NATO-Pause, in der lege ich mich meistens hin oder lese 3 Seiten in einem meiner Bücher. 930 geht dann die Einöde weiter. 1200 gibt es Mittagessen, jedenfalls heißt es so. Wenn es Tee dazu gibt, ist es eine beliebte Beschäftigung, herauszufinden, welche zwei Sorten diesmal gemischt wurden. Aber bei einer Sache gibt sich die Küche wirklich Mühe; das ist die Götterspeise. Auch in der CitronenCreme sind die Chemikalien außerordentlich gut aufeinander abgestimmt. Meine Mittagspause hört dann gewöhnlich 1300 wieder auf, in der Zwischenzeit lese ich meistens. Zweimal die Woche steht nach der Mittagspause Sport auf dem Plan. Schließlich gibt es 1630 etwas, das Abendessen genannt wird. Immer das gleiche. Und dann, endlich, fängt der Tag an. Aber es macht sich schon wieder Müdigkeit breit, so daß man die ganze Woche über zu nichts kommt.
 
 

Politik

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Kanoniere

Begriffssystem

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Technik

Befehle

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Pflicht

Geld

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Arbeit

Bilder

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Visionen

Prüfungen

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Realität

Bundeswehr

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Ich

 
 
 

Politik     Politik ist nichts nach meinem Geschmack. Auch die Bundeswehr ist Spielfeld der Politiker. Was soll die Genfer Konvention? 

Kanoniere    In der Grundausbildung lernt man ein wenig das Durchhalten im Krieg. Man erfährt die Kälte. Man erfährt etwas über ABC-Waffen und wie man sich bei deren Einsatz Verhalten sollte. Man lernt über Aufbau und Funktionsweise einer Schußwaffe. Später lernt man vielleicht etwas von Splittern und Minen und von ihrer Wirkung. Man lernt, wer das sagen hat. Man erlernt ein Gefühl der Chancenlosigkeit. 

    Dann ist man Kanonier* (Es gibt lernunfähige Leute, die es auch werden), Hierarchieletzter. Ein Dasein, bestimmt von Unsicherheit. Die eigene Stimme ist ganz leise. Auch wenn man einen wertvollen Gedanken hat - wen soll man damit belasten? Ein Kanonier stellt keine Fragen. Fragen kostet wertvolle Zeit und die ist knapp. 

    Nach acht Monaten Dienstzeit habe ich folgendes erfahren: Es wird davon ausgegangen, daß im Gefecht drei Feueraufträge an einem Tag an einen Zug - das sind vier Geschütze - gehen. 

    Diese Erfahrung bedeutet einiges, sie bewirkt eine völlige Verschiebung der Verhältnisse. Der Streß wird geringer, das Dienstgradgefälle flacher, die Stimme stärker, die Welt kleiner. All der Streß war nur vorhanden, weil die Hintergründe fehlten. Das war ein Vorwurf. 
 

* gemünzt auf Artillerie  

Begriffssystem     Es gibt ein Wort für jede Kleinigkeit, festgelegt ist genau eines. Das hat den Vorteil, daß alles benennbar und abkürzbar ist. Wenn es schnell gehen muß, ist es wichtig, jegliche Mißverständnisse zu vermeiden. Ich kann mich erinnern, beim Waffendrill, als wir das G3 in Bestandteile, äh, Baugruppen zerlegten und diese dann aufzählen sollten, galt jeweils nur ein bestimmtes Wort als Bezeichnung einer Baugruppe. 

    Was ist aber, wenn man ein Wort nicht kennt? Was ist der Unterschied zwischen Artilleriekommando und Artilleriegruppe? Vielleicht muß ich das nicht wissen, male ich doch nur Folien ab. Trotzdem, auf der Originalfolie sind so viele Fehler, sie vor dem Vervielfältigen korrigieren zu können, wäre eine Fähigkeit, die mit steigender Kopienanzahl immer mehr Zeit einspart. Und darum geht es doch. 

    Durch die vielen neuen Bezeichnungen ohne Hintergründe wird eine Sache sehr dünn: Der Inhalt der Begriffe. "Das Geschoß des G3 hat eine Austrittsgeschwindigkeit von 780-800 m/s." Wir haben das auswendig gelernt. Und? Wie sieht das Geschoß aus? Wahrscheinlich eine Kugel. Auch nein, die Munition ist ja vorn spitz. Vielleicht stehen Zahlen drauf; die Losnummer. Wie schwer ist es? Woraus besteht es? Beim Waffendrill (der ist vergleichbar mit dem Aufsprühen des Tchibo-Logos auf einen Kaffeesack aus der Fernsehwerbung) hat man die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Das brächte den Ablesenden ganz schön durcheinander. Aber zum Glück denkt man nicht ans Fragen. Wie fühlt es sich an, wenn man das Geschoß abbekommt? 

    Das G3. Dieser Satz klingt im Ohr jedes Soldaten so, als wäre das G3 eine Legende. Jeder hat es in der Hand gehabt, jeder kennt einige technische Daten. Vor einem Jahr hatte ich noch nie davon gehört - von der Legende. 

    Vielleicht möchte ich deshalb hier weg. Man kriegt selten die Hintergründe erklärt. Die Vorschriften sind voll von inhaltsarmen syntaktischen Konstruktionen. Befehle machen ohne Erklärung keinen Sinn. 
 

Technik    Das Ideal der Militärtechnik ist schwer, teuer, belastbar und mit einem Knopfdruck zu bedienen. In der Bundeswehr kursiert veraltete Technik. Nicht daß sie irgendwann nach dem Zeitpunkt der Entscheidung ihrer Einführung einmal zeitgemäß gewesen wäre - sie war von Anfang an veraltet. Andererseits sehe ich Hitec in den zahlenmäßig gering vertretenen Spezialeinheiten, den Krisenreaktionskräften, und Technik, die es draußen nicht weiter gibt ("Jets"). Vielleicht sollte man auch von teuren Spezialgeräten auf dazu vergleichsweise preiswerte handelsüblichere HighEnd-Geräte umsteigen, denn "Es ist ja kein Geld da".

    Gehört eine Funkuhr in einen elektromagnetisch abgeschirmten Container, in dem Handys funktionieren, um die Schirmung ständig zu testen?

    Legt man seine komplette Ausrüstung an, denkt man 500 Jahre zurück, schwer und unbeweglich - an die Ritter. Lauf, Soldat von heute, lauf, wenn Du noch kannst.
 
 

Befehle     Wenn viele Leute zusammenarbeiten und gleichzeitig arbeiten, dann sollte die Arbeitsaufteilung schon organisiert werden und der eine wissen, was die anderen tun. Aber das ist nicht der Punkt. Jeder, der mal versucht hat, einem Computer seinen Willen aufzuzwingen, hat es ganz schnell gelernt:  Man kann keinen Computer programmieren und ihm nachher die Schuld an Programmfehlern geben.     Offenbar hat diese Weisheit hier äußerst geringe Verbreitung gefunden. Vielleicht ist es auch ein psychologisches Problem, daß sich jemand notwendig darüber aufregt, wenn jemand anderes etwas falsches tut, weil sein Befehl nicht präzise genug formuliert wurde. Aber ich denke, daß man von Leuten, die ganze Jahrzehnte Soldat sind, verlangen kann, über solchen Kleinigkeiten zu stehen. Natürlich ist ein Soldat kein Computer, aber - und das ist das Hauptproblem der Bundeswehr - ein Grundwehrdienstleistender, der nur zehn Monate dabei ist, kann einfach nicht immer wissen, wie irgendetwas genau zu tun ist, vor allem nicht, wenn er ungenügend ausgebildet wird. Es heißt zwar immer, der Soldat bekommt einen Auftrag und was zählt, ist seine Erfüllung; aber es ist so, daß in einem Auftrag soviel ungenanntes miteingeschlossen wird, daß man gewöhnlich alles so machen muß, wie es sich irgendein Auftraggeber vorstellt. Das geht beim ersten Mal immer schief. Beim zweiten Versuch klappt es dann so leidlich, weil der Auftrag inzwischen präziser formuliert wurde. Aber erstens sagt mir die Wiederholung einer Sache nicht zu, wenn das, was ihr Zweck war in meinen Augen erfüllt ist und ich nicht vom Nichtzutreffen meiner Ansicht überzeugt werde - ohne Vertrauen ist das nötig - und zweitens ist der Tonfall der beim ersten Formulieren des Auftrages impliziten Punkte (auch bei Zwischenfragen, denn der Auftraggeber ist von seiner Wichtigkeit überzeugt) demotivierend. 
 
 

Pflicht     Als männlicher Bürger hat man die Wehrpflicht. Für jemanden ohne Ziel, ohne Plan, ohne Aufgabe stellt diese Pflicht vielleicht kein Problem dar. Aber ich habe eine Vision (Ja, ich auch!): Ich glaube daran, daß ein Computer eines Tages intelligent sein kann. Daran arbeite ich energischst. Deshalb wäre gern ein Teilchenbeschleuniger, kein Soldat. 

    Senator John Pastore: Ist von diesem Beschleuniger etwas zu erwarten, das in irgendeiner Weise die Sicherheit dieses Landes betrifft? 
    Robert P Wilson: Nein, Sir, das glaube ich nicht. 
    Pastore: Gar nichts? 
    Wilson: Gar nichts. 
    Pastore: Er ist in dieser Hinsicht wertlos? 
    Wilson: Er hat zu tun mit der Achtung, mit der wir einander begegnen, der Menschenwürde, unserer Liebe zur Kultur. Er hat zu tun mit der Frage: Sind wir gute Maler, gute Bildhauer, große Dichter? Ich meine all die Dinge, die wir in unserem Land verehren und achten und auf die wir stolz sind. Mit der Verteidigung unseres Landes hat er direkt nichts zu tun, er trägt nur dazu bei, daß es wert ist, verteidigt zu werden. 

    Einleitung 6. Kapitel im Buch "Das schöpferische Teilchen" von Leon Lederman / Dick Teresi

    Der Spruch "Ich tue nur meine Pflicht" erscheint in einem neuen Licht: "Ich weiß gar nicht, womit ich diese Auszeichnung verdient habe. Ich habe doch wirklich nichts weiter getan!" Und er hat wirklich nichts getan!    

Geld     Was ist Geld? Zahlen, die aus dem Haushalt fließen. Zuerst zu den als so wichtig erachteten Sachen, daß es egal ist, wieviele Nullen - ob vier oder fünf - dorthin fließen. Der Rest wird dann gespart. 
 
 
 
 

Arbeit     In einer Stabsbatterie ist ein Grundwehrdienstleistender nicht nur Grundwehrdienst-Leistender, sondern auch Grundwehr-Dienstleistener. Das heißt, daß wir uns im Gegensatz zu untergeordneten Einheiten weniger aufs Ausbilden konzentrieren können sollen. Aber ist es nicht gerade dann, wenn von der eigenen Arbeit etwas abhängt, wichtig, zu wissen, was man tut?

    Ein Problem gibt es, das sowohl Bundis wie Zivis betrifft. Es muß immer so aussehen, als hätte man etwas zu tun. Unter diesen Umständen ist es natürlich besser, garnicht gesehen werden zu können (Ab...). Aber Arbeit ist kein Ding, das 700 beginnt und 1630 aufhört. Arbeit macht zwischendurch Pause, ist manchmal ganz weg (Urlaubszeiten) und kommt danach umso umfangreicher auf einen zu. Dabei entstehen zwangsläufig Leerräume. Ich erkenne diese Leerräume sehr gut, denn ich bin sehr auf mein Ziel fixiert. Kurz vor meiner Einberufung habe ich mir sogar angewöhnt, zu vermeiden, Reklameschilder, Autoschilder, Firmenschilder und das alles, was man an sich vorbeiziehen sieht, zu lesen. Sie bringen mich doch nicht weiter. Diese Sachen heißen Meme. Zwar kann man alles Denkbare als Mem klassifizieren, aber diese sind insbesondere Denkzeitverschwender. Nun habe ich das Pech und bin hier, begegne Leerräumen. Die müssen genutzt werden. Das schwierige daran ist nur, daß ich nicht immer eins meiner Bücher zücken darf. Ich muß warten. Hast Du gehört? Ich muß warten! 

    Schlaue Köpfe versuchen, ebensolche Leerräume mit dünnen Beschäftigungen zu überbrücken. Am beliebtesten dabei ist zweifellos das Putzen bzw. Reinigen aller möglichen und unmöglichen Sachen. Wenn man beim Bund eines lernt, dann ist das der Umgang mit Lappen. 

   Ich komme manchmal (das heißt selten) zu spät. Das kann nur Montags passieren, weil es sich nicht lohnt, zwischen meiner Kaserne und Leipzig täglich zu pendeln. Das fällt sofort auf. Wenn man aber pünktlich da ist und den ganzen Tag trotzdem nichts tut, geht das problemlos durch. Daher kommt meine Mißbilligung der Realitätsverzerrungen. Was zählt, ist, daß man etwas tut - nein, nichtmal das, wieviel man tut ist wichtig - und nicht, daß man einfach nur da ist! Um das zu kapieren muß man die Dinge so sehen, wie sie sind. Zitat GWDL: Wer beim Bund arbeitet, ist selbst schuld. 

    Zu Beginn hatte ich mich gewundert, warum die anderen soviel Wert auf den Dienstschluß legten. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum man das, woran man gerade arbeitete bis zum nächsten Tage liegenläßt. Ich konnte nicht verstehen, wie jemand die Einarbeitungszeit am nächsten Tag inkaufnimmt. Inzwischen weiß ich, worin der Unterschied liegt. Dienstschluß gibt es nur, wenn man tut, was man nicht mag. 

    Eine starke Truppe. Der Werbeslogan für Teamwork. Das würde aber Gleichverteilung der Arbeit bedeuten.  
 

Bilder     Du kannst jetzt sagen "Ganz klar, dann hättest Du nicht zum Bund gehen dürfen. Es war eine falsche Entscheidung." Richtig, hätte ich gewußt, wie es hier wirklich ist, wäre ich nicht hergekommen. Unglücklicherweise hatte ich vor meiner Zeit beim Bund ein ganz anderes Bild von diesem Verein. Immerhin ist es zwei Monate kürzer als Zivildienst. Ich dachte: 

  1. hätte weniger zu tun und mehr Zeit für mich
  2. bekäme mehr Geld als ein Zivi
  3. lernte etwas, daß im Verhältnis zu 10 Monaten steht
  4. würde planvoller arbeiten / dachte, die Bundeswehr wäre effektiver (Vielleicht ist das ja ein allgemeinerer Eindruck. Ich habe noch nirgends gearbeitet. Ich habe es mal poetisch ausgedrückt gehört: "Der unerhörte Einsatz von Mensch und Material... um irgendetwas auf die Beine zu stellen. ")
  5. wußte nicht, daß die Bundeswehr so großen Wert auf ihr "Auftreten in der Öffentlichkeit" legt.

    Das ist ihr - und jetzt auch mein - größtes Problem. Ich hatte es weiter oben schon als Geltungsbedürfnis genannt. 

    Um jeden Preis mußten die Christen Heiden und Atheisten von der Existenz Gottes überzeugen, um deren Seelen zu retten. Um jeden Preis mußten die Atheisten der Christen beweisen, daß ihr Glaube an Gott lediglich eine kindische und primitive Einbildung war, die der Sache des gesellschaftlichen Fortschritts ungeheuren Schaden zufügte. Also kämpften sie und rannten und schossen sich gegenseitig über den Haufen. Währenddessen sitzt der taoistische Weise ruhig an einem Fluß, hat vielleicht einen Gedichtband, Wein und sein Malzeug bei sich und genießt frohen Herzens das Tao, ohne sich je darum zu sorgen, ob es existiert oder nicht. Der Weise muß seine Kraft nicht auf des Tao verwenden; er ist vollauf damit beschäftigt, es zu genießen.

aus dem Buch "Das Tao ist Stille" von Raymond M. Smullyan

    Es geht mir jetzt nicht darum, eine Diskussion darüber zu entfachen, ob es eine Bundeswehr geben sollte oder nicht. Es geht mir immernoch um die Bundeswehr und das Bild von ihr. 

    Um jeden Preis mußte Hauptmann A Hauptmann B überzeugen, daß er auch etwas drauf hatte, vernünftig war und so. Um jeden Preis mußte Hauptmann B Hauptmann A überzeugen, was für ein wichtiger Mensch er und wie kindisch Hauptmann A doch war. Also arbeiteten sie und verteilten Aufträge und Befehle. Währenddessen sitzt Hauptmann C ruhig an seinem Schreibtisch, hat vielleicht einige ZDVs vor sich und greift zum Telefon, um noch etwas abzuklären, ohne sich je darum zu sorgen, ob das Bild, das alle von ihm haben, gut oder schlecht ist. Der Vernünftige muß seine Kraft nicht auf sein Bild verwenden; er ist vollauf damit beschäftigt, sich zu verbessern.

in Anlehnung an obiges Zitat

(eine ZDV ist eine Dienstvorschrift)     Die nächste Version ist etwas allgemeiner: 

    Um jeden Preis mußte die Bundeswehr die Öffentlichkeit überzeugen, daß sie ein effektiver vernünftiger zivilisierter Verein sei. Also schrieb sie einige ZDVs und achtete sehr auf ihren Eindruck bei der Öffentlichkeit. Währenddessen saß die Bundeswehr, die ich gerne hätte, ruhig in einem Unterrichtsraum und bildete sich weiter, ohne sich je darum zu sorgen, ob jemand ihr wahres Bild kannte. Diese Bundeswehr muß ihre Kraft nicht auf Bilder verwenden; sie ist vollauf damit beschäftigt, sich zu verbessern.

in Anlehnung an oben

    Einen Punkt im Zusammenhang mit Bildern kann man positiv anrechnen: Dadurch, daß Wehrpflichtige aus beiden Teilen Deutschlands in einer Kaserne zusammenkommen, können sie sich unmittelbare Bilder von den anderen machen und das richtig machen, was von journalistischen Standardphrasen immernoch falsch gemacht wird.

 

Visionen     Wenn irgendjemand eine Idee hat, dann wird sie durch die Befehlshierarchie Stück für Stück als Befehl weitergegeben, bis sie schließlich viele hundert Mann beschäftigt. Doch dabei macht sie eine Metamorphose durch, denn niemand versteht sich mit allen Leuten, mit denen er zusammenarbeitet gut genug, um der ursprünglichen Idee völlig gerecht zu werden. Um die Umsetzung möglichst so, wie sie gedacht ist, zu ermöglichen, kann man verschiedene Prinzipien heranziehen: 

  1. Verwendung von Standards 
  2. Rücksprachen 
  3. zusätzliche Übermittlung der Hintergründe 
  4. Verringerung der Anzahl der Übertragungspunkte / Verkürzung der Hierarchie 
  • Standards lassen sich durch Unterrichte bilden. 
  • Die Rücksprachen werden durch freundliches Arbeitsklima erleichtert.
  • Die ursprüngliche Idee kann man niederschreiben und ablesen. 
  • Die Anzahl der Übertragungspunkte ist durch die immense Anzahl von Beteiligten leider so groß, daß schon die Punkte 1-3 greifen müssen. 

    Keines dieser Prinzipien hat die ursprünglichen Ideen bis zu mir gerettet. Sie verloren immer mehr an Form und Sinn. Aus ihnen waren weltentrückte Visionen geworden.




Prüfungen     Soll man ein Ziel anstreben, so ist es einem persönlich weniger wichtig, es auch zu erreichen, man kommt vielleicht sogar davon ab. Also wird man überprüft und beobachtet, um sicherzustellen, daß man immernoch das Ziel verfolgt, das man nicht erreichen will. Erstens ist es unangenehm, beobachtet zu werden und zweitens kostet es Aufmerksamkeit des Beobachters. Ich verstehe nicht, wieso niemand versucht, diesen Mißstand zu beheben, indem er mit einfachen Erklärungen ermöglicht, fremde Ziele als eigene anzusehen; auf daß er Verstehen erzielt.
Auf zu vieles zu achten und damit die eigene Aufmerksamkeit zu zerstreuen, ist wie, einen so hohen Kredit aufzunehmen, daß man ewig Zinsen zahlt und niemals etwas tilgt. Stillstand.
 
 

Realität     Ich weiß, was für ein schwer faßbarer Begriff das ist. Aber ich weiß auch, daß ich in der Bundeswehr sehr weit weg von der Realität, die ich meine, entfernt bin.

    Das beginnt bei den abschottenden Stiefeln. Beispiel von Ignoranz. Man bemerkt keinen Stein unter den zentimeterdicken Sohlen; ich konnte sie im Winter übers Feuer halten, ohne etwas zu spüren. Man behält sie den ganzen Tag über an, jeden Tag, auch im Sommer.

    Dann das viele Papier. Ein Formular wird nie antworten.

    Es ist zuviel verlangt, wenn ein Grundwehrdienstleistender auf Fehler hinweisen und Vorschläge, wie etwas besser zu machen sei, einbringen soll, der erstens noch von der Grundi benommen ist und zweitens noch keinen Überblick haben kann, ihm also Mißstände garnicht bewußt sein können.

    Realitätsfern, weil vorgekaut. Standard, Wiederholung, Trott, Alltag, Einförmigkeit, fehlende Abwechslung, über die auch das BW-Info-Magazin oder BW Aktuell nicht hinwegtäuschen können. Phrasen, Beschränkung, Einseitigkeit. Was ist Geist in der Endlichkeit (Wir machen hier Nägel mit Köpfen.) Ja, mit Hohlköpfen.
Ich nehme es zu ernst, kann keinen Abstand gewinnen, bin gefangen.

   Bund und Verstehen ist wie Wissenschaft und verstehen: So, wie sich die physikalischen Gesetze nicht von selbst offenbaren, bleibt jegliches Verständnis für das Soldatensein auf der Strecke - man muß die richtigen Fragen stellen, was nicht gerade leichtgemacht wird. 
 
 

 

 

Krieg, um Krieg zu vermeiden?

    Es stammt aus irgendeinem Buch über Weltpolitik und die Bundeswehr: Der Overkill im Kalten Krieg war da, um keinen Krieg führen zu müssen. Das klingt absurd, hat aber was. Beim Karate ist es genauso. Man lernt Karate, um es nicht anwenden zu müssen. Erstens, weil der Angreifer denkt, "Oh, da hab ich keine Chance" und zweitens, weil man dadurch, daß man Karate lernt, das Interesse an körperlicher Auseinandersetzung verliert. Aber wieso haben sie es dann bis zum 200fachen Overkill getrieben, wenn sie beide keinen Krieg wollten?

    Wieso muß es in einer Armee so sein, wie im Krieg? Weil sie ohne Disziplin nichts ausrichten kann? Man kann immer nur eines haben? Man kann immer beides haben, nur nie ohne Anstrengung. Ich hätte gern eine starke Armee ohne Disziplin aber mit Überzeugung.
 

Warum ich diese Seite schreibe

    Angefangen habe ich kurz nach der Grundausbildung, als ich das erste Mal Urlaub hatte. Damals war diese Seite noch ein kleiner Zusatz zu meiner Homepage und bestand aus dem ersten Absatz. Warum ich eine Homepage habe, kann ich auch begründen.  Ich erweiterte den Zusatz gelegentlich. Mit der Zeit wurde es unerträglich, Sonntag abends den Leipziger Hauptbahnhof in die Ferne rücken zu sehen, es fiel mir immer schwerer, meinen Dienst nach einem Wochenende wieder anzutreten. Um herauszufinden, warum ich mich völlig down fühlte, begann ich auf der Grundlage des kleinen Zusatzes zu meiner Homepage nachzudenken. Es ist nicht so, daß ich sagen kann, daß mir dies und jenes nicht gefällt und diese wenigen Punkte eindeutig die sind, die mir das Leben schwer machen. Es gibt
viele unscheinbare Punkte und nun versuche ich, diese alle zusammenzutragen. Ich hatte nie geplant, - oh das klingt hart - durch diese Seite Zeit in die Bundeswehr zu investieren. Ich hätte nur geschrieben, daß ich beim Bund wäre, ohne jede Kritik. Deshalb habe ich niemanden direkt angesprochen, "mich vertrauensvoll an Vorgesetzte gewandt" (oder unsere damalige Vertrauensperson) - weil es nie geplant war. Alle diese Punkte kann ich nicht in einem kurzen persönlichen Gespräch anbringen, sie würden mir einfach nicht einfallen. Inzwischen ist diese Seite sowas wie mein momentaner Spiegel des Verständnisses der Bundeswehr.

    Für mich ist es wichtig, sofort nach (besser während) einem Erlebnis darüber zu schreiben. Täte ich das nicht, verwischte die Zeit viele Spuren und ich würde meine Meinung relativieren. Ich liebe jede Stunde. Deshalb wollte ich die ersten beiden Abschnitte dieser Seite (fast) unverändert lassen (ich hab sie also doch verändert).

    Inzwischen möchte ich mit diese Seite den realitätsverzerrenden Meldungen von Bundeswehr Aktuell etwas entgegensetzen. Dort stehen nur nette Artikel, wie schön es doch bei der Bundeswehr sein kann und z.B. was für tolle Sachen Schüler mit den Soldaten lernen. Die machen sich richtig Gedanken bei der Bundeswehr. Immer geht alles gut aus und alle lachen. Super. Und wenn Du dann hier bist, geht's los.

    Nein. Ich bevorzuge eine realistischere Sicht auf die Welt. Nicht daß ich nur Leserbriefe lesen wollte, in denen sich Leute ähnlich mir beklagen, aber mir kommt es komisch vor, daß ich einerseits eine Zeitschrift lese, die über die Sachen schreibt, die dort vorgehen, wo ich dabei bin und ich andererseits dort bin, jedoch alles ganz anders erlebe.

    Ich will außerdem Außenstehenden, vielleicht jemandem, dem seine Wehrdienstzeit bevorsteht, einen Standpunkt anbieten, von dem aus er diese Zeit sehen kann. Ich will jemandem, der dabei ist, einen Standpunkt bieten, um Erfahrungen zu vergleichen. Ich will den Fortschritt vorantreiben. Wieviel bewegt ein interner Brief im Gegensatz zu einer Seite im WorldWideWeb, die jeder lesen kann?

    Es kommt noch etwas hinzu. Ich will es nicht Frust nennen, denn ich verbinde dieses Wort mit undifferenzierter Gewalt. Ich kenne einen bestimmten Hauptmann. Er legt Wert auf Vorschriften. Er hat Selbstbewußtsein. Er ist Fachmann. Er wird geachtet. Er ist von sich überzeugt. Zu sehr.

    Vielleicht komme ich auch nur mit einigen Leuten nicht klar. Ob sich das noch ändern wird?

Ich



Kurz


Jetzt, da es (fast) vorbei ist

    bin ich immernoch der Meinung, daß ich zwar etwas gelernt habe, aber fünf der zehn Monate reine Zeitverschwendung waren. Ich kann auch sagen, daß es nicht die Hauptleute sind, an denen es hängt. Es sind die kleinen Unzulänglichkeiten von mir und dir, die in den besonderen Begrenzungen der Kaserne groß werden.

    Meine Erfahrungen müssen keine Allgemeingültigkeit besitzen. Ich werde mir Mühe geben und keine VS-Daten erwähnen. Wünsch mir Glück auf der Kante. [Blue Ribbon Campaign icon] The Blue Ribbon Online Free Speech Campaign  
    Ich erkenne es an, daß es diese Seite noch gibt. Meine Hauptaussage ist nicht "Zeitverschwendung". Wir passen einfach nicht zusammen. Ich will die Welt sehen, keine Kasernenzäune.
 

Aus meinem katholischen Taschenkalender für Soldaten

MARIA NACHTS umzingelt  von einsamkeit und stiller dunkelheit bewacht von schlaflosen nächten behütet von unendlicher traurigkeit eingesperrt in einem raum voller träume und ab 1.9.1998 wieder frei


© Michael Bunk http://www.imn.htwk-leipzig.de/~bunk Letzte inhaltliche Änderung: 23.8.98

7.10.1999: Ich bin inzwischen Informatikstudent im 3. Semester. Ich habe mir meine BW-Seite seit dem letzten Mal vor über einem Jahr erstmals wieder durchgelesen. Inhaltlich habe ich nichts ändern müssen. Meine 'normale' und die Bundeswehr-Welt sind wirklich gut voneinander getrennt. Ich glaube, ich würde jetzt eher versuchen, mit den Leuten zu reden.

Heute habe ich eine Homepage mit einem Erfahrungsbericht über einen Einsatz in Bosnien gelesen: Martin Kellermann - Moadls IFOR Homepage. Ein anderes Gesicht.

Hin und wieder sehe ich ein BW-Auto durch die Stadt fahren. Früher sind sie mir nie aufgefallen. Aber nun sehe ich mich darin sitzen. Aber das ist ein Gedanke, der mit dem nächsten vorbeifahrenden Auto davonfährt. Und das ist gut so.


© Michael Bunk http://www.imn.htwk-leipzig.de/~bunk