Chaos-Report

Definition

Die Chaos-Reports sind eine Reihe von Berichten, die aus Untersuchungen von IT-Projekten resultieren. Durchgeführt werden diese von der Standish Goup. Das Ziel ist, die Ausmaße von fehlgeschlagenen Software-Projekten herauszuarbeiten, ebenso wie Faktoren für Erfolge und Misserfolge.

Historische Anmerkungen

Die Standish Group wurde 1985 gegründet, um sich mit oben genannten Problem auseinanderzusetzen. Der erste Chaos-Report erschien schließlich knapp 10 Jahre später und bis heute erscheint etwa im 2-Jahres-Rhythmus ein aktueller Bericht. Der zuletzt veröffentlichte befasst sich mit dem Jahr 2004.

Der erste Chaos-Report 1994

Untersucht wurden 8380 Projekte in 365 amerikanischen Firmen. Der geschätzte Gesamtaufwand pro Jahr betrug zu dieser Zeit ca. $ 250 Mrd auf 175000 Projekte verteilt.

  • Dabei wurde festgestellt, dass 31% aller Projekte noch vor der Fertigstellung komplett abgebrochen wurden und allein dadurch $ 80 Mrd Verlust entstanden. Der Ausfall des weiteren aus dem Fehlen der Software resultiert, ist nicht messbar, jedoch noch vielfach höher (im Billionen-Bereich).
  • 53% wurden mit erheblichen Mängeln fertiggestellt. Dabei wurden im Schnitt nur 61% der ursprünglichen Anforderungen erfüllt. Der vorher angesetzte Zeitraum, sowie die kalkulierten Kosten wurden dabei etwa verdoppelt.
  • Nur 16% der Projekte wurden letztlich ohne Mängel fertiggestellt.

Außerdem wurden die Projektleiter nach Gründen für einen erfolgreichen Abschluss befragt.

  • Dabei machen 3 Hauptursachen etwa 45% aus:
    • Einbeziehung des Benutzers
    • Unterstützung aus dem Management
    • klar spezifizierte Anforderungen
  • Weitere Gründe sind:
    • genaue Planung
    • klare Ziele
    • hohe Kompetenz der Mitarbeiter
    • realistische Erwartungen/Schätzungen

Gründe für das Überziehen des Zeitrahmens und der Kosten:

  • unzureichend spezifizierte Anforderungen
  • häufiges Ändern der Anforderungen während des Projekts
  • Mangel an Ressourcen
  • inkompetente Mitarbeiter
  • wenig Benutzer-Einbeziehung
  • schlechter Support durch das Management
  • zu große Erwartungen
  • falsche Schätzung der Zeit/Kosten

Die Gründe für Projektabbrüche decken sich im Wesentlichen mit den gerade genannten. Hinzu kommen Fehler im Management und Abbrüche von Projekten, die nicht mehr benötigt wurden, weil sich in der Zwischenzeit bessere Lösungen fanden bzw. der Auftraggeber in Konkurs ging.

Außerdem wurde versucht Erfolge oder Misserfolge in Abhängigkeit von der Größe des Unternehmens und der Zahl der Mitarbeiter darzustellen, wobei an den mittleren Budgets pro Projekt etwa $2.3Mio, $1.3Mio, $0.4Mio jeweils für "große", "mittlere" und "kleine" Unternehmen anfielen. Im folgenden ein paar Fakten zu diesem Vergleich:

  • Die Rate der ohne Mängel fertiggestellten Projekte lag bei den "kleinen" Firmen mit 28% am höchsten ("mittlere": 16%, "große": 9%).
  • Ebenso verhielt es sich mit dem Funktionsumfang in den "mangelhaften" Produkten. Hier brachten es "kleinere" Betriebe im Schnitt immerhin noch auf 74% der geforderten Funktionalitäten, während "mittlere" nur 65% umsetzen konnten, "große" sogar nur 42%.
  • Dagegen fiel die Kosten- und Zeitüberschreitung in "kleinen" Firmen jedoch am größten aus.

Chaos-Reports bis heute


Chaos-Reports '94-2004

Wie an nebenstehender Grafik zu sehen ist, verbesserte sich die Situation bis zum Jahr 2002. Im Bericht von 2004 allerdings verschlechterten sich die Zahlen gegenüber 2002 wieder etwas. Als wichtige Faktoren für den Erfolg haben sich gegenüber 1994 heutzutage die Anwendung formaler Methoden sowie die Erfahrenheit des Projektleiters etabliert.

Einbettung und Abgrenzung

Die Chaos-Reports brachten erstmals klare Statistiken zur Beurteilung der seit den 60er Jahren anhaltenden Krise im Bereich der Software-Entwicklung. Auch das National Institute of Standards and Technology beschäftigte sich mit der Problematik, wobei intensiver auf konkrete Fehler und den Testvorgang eingegangen wurde. Dabei stellte sich heraus, dass etwa 70% der Fehler bei der Anforderungsspezifikation entstehen. Außerdem fand man heraus, dass die Behebung solcher Fehler während der "Anforderungsspezifikations-Phase" (engl. Requirements-Phase) wohl etwa 100€ kosten soll. Dagegen kostet das Ausbügeln desselben Fehlers, wenn er erst im "User-Acceptance-Test" gefunden wurde, das 50- bis 100fache.

Es gibt auch in Deutschland Untersuchungen über die Erfolgsrate von IT-Projekten, wie z.B. die Studie vom Offis-Institut für Informatik an der Universität Oldenburg. Dabei wurde in nur 3% der Projekte abgebrochen und etwa 50% waren sogar zur vollsten Zufriedenheit des Kunden und ohne Zeit-/Kostenüberschreitung. Allerdings wurden auch nur 378 Projekte untersucht, sodass ein Rückschluss auf die komplette deutsche Software-Entwicklung nur bedingt zulässig ist (außerdem beeinhaltet die Studie auch Hardware-Projekte).

Kritische Betrachtung

Die Chaos-Reports bieten einen Überblick, was für Probleme bei der Software-Entwicklung auftreten. Unternehmen können daraus Rückschlüsse ziehen und eventuell auf den ein oder anderen Punkt in der Entwicklung mehr Wert legen. Es lässt sich allerdings nicht sagen, ob IT-Projekte in Zukunft erfolgreicher werden, durch die in den Chaos-Reports herausgearbeiteten Aspekte. Auch lässt sich darüber diskutieren inwiefern die Chaos-Reports, welche nur US-Amerikanische Projekte beeinhalten, auf die Software-Entwicklung in anderen Ländern übertragbar ist. Es wäre außerdem noch wünschenswert zu erfahren, in welchem Maße der Testprozess sich bei den untersuchten Projekten auf den Erfolg auswirkt (wie es wie oben erwähnt z.B. durch das NIST untersucht wurde).

Quellen

Kommentar

ok